Iain
Harris über Cape Town JazzCape Town der Jazz der 7 Weltmeere
Cape Town Jazz hat seinen unverwechselbaren
Charakter - geprägt vom Leben am Hafen, politischer Geschichte und
viel Rhythmus im Blut.

Kapstadt ist eine Musikstadt. Es gibt
20 Gitarristen per Quadratkilometer und Saxophonisten hinter jedem Strauch.
So erzählt man sich.
Kapstadt ist auch eine Stadt des Karnevals.
Jedes Jahr am ersten und zweiten Januar ziehen Horden schillernder Trupps
durch die Strassen, in seidenen Gewändern, mit Musik und Gesang.
Man denkt Rio De Janeiro und hört New Orleans. Im Schatten des tischförmigen
Berges gibt es jedoch nicht den geringsten Zweifel: Wir befinden uns in
Kapstadt. Und der Karneval verkündet den Sieg über die Sklaverei.
Ob es Jazz in Kapstadt gibt? Schauen wir uns doch nur mal die Pianisten
an. Namen, die Jazzliebhabern auf der Zunge zergehen: Abdullah Ibrahim,
Tete Mbambisa, Hotep Galeta, Mark Fransman, Chris McGregor und
Hilton Schilder. Hier, ein paar Saxophonisten: Winston Mankunku,
Robbie Jansen, Basil Coetzee, Morris Goldberg und Buddy Wells.
An der Gitarre: Jonathon Butler, Mac McKenzie, die Brüder
Alvin und Errol Dyers, Jimmy Dludlu und Selaelo Sel-ota.
Diese Musiker sind die Kinder Kapstadts. Ihre Paten sind die sieben Weltmeere.
Der Komponist und Gitarist Mac McKenzie lebt in Bridgetown, dem
ersten Coloured-Township, einer Grenzstadt, wie
er selbst es nennt. Er trägt einen schottischen Namen, denn seine
Vorfahren kamen als Sklaven ans Kap. Seine wahre Herkunft sind die Weltmeere:
Ich möchte Euch eine Geschichte
von einem Lied erzählen, dass wir in Kapstadt singen: die Alibama.
Wenn die Schiffe in den Hafen kommen, heißt es gut leben, denn die
Prostituierten verdienen Ihr Geld. Leute, das passiert in jedem Hafen.
Die meisten von uns sind nur aus diesem Grunde hier. Ich habe einen Bruder
in Maputo, einen in Luanda und einen Onkel in Rio....
Kapstadt ist nicht nur eine Stadt, sondern viele Städte in einer.
So ist es auch mit Kapstadts Musik: Am Anfang waren die Khoe-Khoe,
die ersten Menschen am Kap, mit Ihren Goma-Trommeln und Trancegesängen.
Später importierten die nach Süden wandernden Bantuvölker
energetische Rhythmen und Basslinien. Mit Pauken, Trompeten und Marschmusik
zogen schließlich die Kolonialherren ans Kap, zuerst die Holländer
und Deutschen, dann Franzosen und Engländer. Diese brachten Sklaven
aus Mosambik, Kongo, Malaysia und von den Philippinen, die wiederum ihr
eigenes musikalisches Erbe mit sich führten. Mit jeder Schiffsladung
kamen neue Einflüsse hinzu, schließlich in Form von Schallplatten.
Als junger Mann ging der bekannte Jazzinterpret Abdullah Ibrahim
in den 1950ern jeden Samstag zum Hafen hinunter und kaufte eine Schallplatte
für einen Dollar von amerikanischen Seeleuten. Damals er war
noch nicht zum Islam konvertiert hieß er noch Adolphus Brand.
Weil er immer einen Dollar für Schallplatten in der Tasche hatte,
bekam er bald seinen Spitznamen: Dollar Brand.
Jazz hatte in dieser Zeit viel mit Tanz zu tun. Fantastische Big Bands
und Tanzkapellen spielten für vergnügungsdurstige Seeleute und
Einheimische. Später, als Südafrika zum Polizeistaat wurde,
wurde auch der Jazz ernsthafter: Politisch und originell. Winston Mankunku
spielte Yakhal Inkomo (brüllender Stier) hinter dem Vorhang
im Luxurama Theater, da es weißen und schwarzen Musikern
nicht erlaubt war, auf der gleichen Bühne zu stehen. Ibrahim ging
ins Exil. Während seiner temporären Rückkehr in den 70er
Jahren schrieb er Mannenberg, eine Hymne an Kapstadt. Chris
McGregor und die Blue Notes komponierten Izmite is Might,
ein Lobeslied für das, was noch alles hätte sein können.
Die 50er, 60er und 70er Jahre waren kreativ und gefährlich.
Nach zehn Jahren Demokratie in Südafrika ist die Luft zum Atmen leichter
geworden, die Musik feierlicher. Der Jazz ist immer noch in der Stadt,
doch längst nicht mehr so präsent wie in den Erzählungen
der Älteren. Das Apartheidregime hat eine Kluft geschlagen, die nur
langsam und mit Mühe überbrückt werden kann. Jazz in Kapstadt verdient heutzutage seinen Namen durch das alljährliche Cape
Town Jazzfestival. Etablierte Jazzmusiker spielen im Green Dolphin,
im Mannenberg oder auch in Kennedys. Doch man irrt
sich, wenn man denkt, dass in Kapstadt jede Nacht großartiger Jazz
zu hören ist. Der Besucher muss sich etwas auskennen und zur richtigen
Zeit am richtigen Ort sein.
Da kommt die Idee von Andulela Experience und Coffee
Beans Routes sehr gelegen. Die Kapstädter Tourunternehmen haben
ihre Kräfte gebündelt, um Besuchern der Stadt den Einstieg in
die Kapstädter Jazzszene zu erleichtern. Die Cape
Town Jazz Safari führt Touristen und interessierte Einheimische
in die Wohnzimmer interessanter Kapstädter Jazzmusiker für Gespräche
in Augenhöhe und musikalische Kostproben. Später am Abend werden
authentische Jazzclubs besucht. Eine gute Gelegenheit, Kapstadt von Innen
kennen zu lernen und sich auf informeller Ebene mit Insidern des Cape
Town Jazz auszutauschen. Denn Südafrikas Jazzgeschichte zeigt nur
allzu deutlich: Jazz lebt vom Austausch der Kulturen. In Kapstadt und
auf den sieben Weltmeeren.
Die Cape Town Jazz Safari
Dichtung und Musik in den Townships
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