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Auf der Spur von Menschen und Massala im Kapstädter Malaienviertel

Curry im Kopf


Der Geruch von Kardamom und Kaffee, von Koriander und Diesel tränkt Nase und Haut. Es ist das Sammelsurium an Stilrichtungen, das Mischmasch aus Moderne und Tradition, das die Sinne verzaubert.

Der Schluck Kaffee aus dem Styroporbecher mischt sich mit fremdartigen Gerüchen. Vom Rose Corner Cafe aus scheint der Orient nicht fern, während der Blick über die Dächer und reich verzierten Türmchen schweift und den Stromleitungen hin zum Tafelberg folgt. Etwas Mystisches liegt über dem erwachenden Viertel an diesem Morgen.

Tausendundein Kapstadt
Eine faltige Frau beugt sich aus dem Fenster und klopft den Kelim aus. Der Staub sänkt sich rasch auf das Pflaster der Straße, von wo ihr ein graubärtiger Mann zuwinkt. „As-salaamu al-leikum, ya Kaltoma.“ Der mit goldenen Spitzen verzierte Saum seiner Dschelabia blitzt in den ersten Sonnenstrahlen, als er eine Mülltonne über den Bordstein zieht – „wa al-leikum as-salaam“. Doch es ist nicht ganz 1001 Nacht, die zwischen den vielen kleinen Türmen der Moscheen hervorlugt – die kalte, klare Kapstädter Morgenluft zerschneidet das Traumbild. Über die sauber gefegte Straße rollt ein Auto japanischer Marke, aus dem die Bässe amerikanischer Popmusik wummern. Der Geruch von Kardamom und Kaffee, von Koriander und Diesel tränkt Nase und Haut. Es ist das Sammelsurium an Stilrichtungen, das Mischmasch aus Moderne und Tradition, das die Sinne verzaubert.
Plakativ reihen sich die farbenprächtigen Häuschen aneinander – jedes in einer anderen auffälligen Farbe gestrichen –, ohne je kitschig zu wirken. Es ist das Leben davor, die um Ecken und Geländer irrenden Wäscheleinen und Stromleitungen, welche die Verbindung zu Realität und Alltag wahren. In einem der Farbtupfer an der Wale Street, dem Bo Kaap-Museum, fängt unsere Tour an.

Menschenmassala
Was ihr heute zu hören bekommt, werdet ihr in keinem Buch finden“, belehrt uns Tourleiterin Monique Le Roux, „das Wissen kommt direkt von den Leuten, die hier leben“. „Die Leute hier“, das ist eine schier endlose Palette von verschiedenen Hautfarben und Gesichtszügen. Dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft in diesem kleinen Viertel am Fuße des Signal Hill wirklich vermischt haben, erkennt man an den Porträts einer Schulklasse, die im Bo Kaap-Museum ausgestellt sind. So ist die Bezeichnung „Malaienviertel“ eigentlich eine Fehlbesetzung, die lediglich auf die Vergangenheit hinweist: Stadtgründer Jan van Riebeeck konnte die ursprünglichen Kapbewohner nicht versklaven. Deshalb verschleppten die Holländer Sklaven aus ihren Kolonien in Südostasien ans Kap, unter anderem Malaien, die sich nach ihrer Emanzipation 1834 hier ansiedelten. So eint die rund 10000 Bewohner lediglich der muslimische Glaube – und auch hier gibt es Ausnahmen – sowie die Liebe zum Curry.

Eine Vielzahl der Zutaten für die mitunter recht scharfen Gerichte der Bo Kaap-Küche findet man in den kleinen Gärten, die sich in die Ecken und Enden des stark bebauten Viertels zwängen. Was die Bewohner nicht anpflanzen können, erhalten sie bei Atlas Trading, einem Paradies aus importierten Gerüchen. Kardamom, Koriander, Ingwer und Chili liegen in der Luft des bis an die Decke gefüllten Ladens in der Wale Street. Als unsere Tourleiterin in einer der Holzkisten nach den Scharfmachern schaufelt und dabei das feine, feurige Pulver aufwirbelt, rebellieren unsere Nasen. „Das ist Massala“, erklärt Monique, während wir nach Taschentüchern kramen. Das „Mix“ verleiht dem Curry seinen typischen Geschmack und ist gleichzeitig soziales Bindemittel des Bo Kaaps – trotz seiner beißenden Schärfe.


© Matthias Usbeck

Schwester Kaltoma Varind schaut ihr über die Schulter, auch wenn Laysa Jabaar (links) es nicht nötig hat. Beide sind Meisterinnen der Bo Kaap-Küche.


Ein Herd als Treffpunkt
Nach unserer Lektion über die Zutaten der malaiischen Küche, führt uns die engagierte Fremdenführerin schließlich zum erklärten Ziel des Tages: an den Kochtopf. Der steht am Ende eines steilen Aufstiegs in einem Komplex, der nach Sozialbau anmutet. In der winzigen Wohnung unserer Gastgeberin Laysa Jabaar brodelt bereits das Hauptgericht auf dem Herd: Das Hühnercurry kocht in einem Kessel vor sich hin, dessen Form sich unter der schwarzen Kruste kaum mehr erkennen lässt.

Laysa ist ein Star. Bereits mehrmals war die kleine, selbstbewusste Frau im Fernsehen, und sogar Köche aus Restaurants gehobener Klasse kommen, um bei ihr Nachhilfestunden zu nehmen. Bei uns ist hingegen Basisarbeit gefragt: Wer etwa Tabasco für eine legitime Verfeinerung sämtlicher Mahlzeiten hielt, wird in Laysas Küche eines Besseren belehrt. Wie man eine Teigtasche faltet, will gelernt sein. Exakte Kanten sind für die dreieckigen „Samoosas“ essentiell, Abweichungen werden von der energiegeladenen Köchin nicht toleriert. Auch in Sachen Küchenmanagement hat Laysa immer einen Tipp parat: „Hebt die alten Tomatenmarkdosen auf, die eignen sich prima zum Muffins Backen“, rät sie geschäftig und lacht, „ja ja, so clever bin ich“. Doch auch nach all ihren Bemühungen, spätestens aber, nachdem sie die Mahlzeit per „Bismillah“ – im Namen Allahs – gesegnet hat und wir den ersten Bissen zu uns genommen haben, wird uns klar: Um so ein köstliches Curry hinzubekommen, muss man hier groß geworden sein, muss die Geschmacksschöpfungskette der verschiedenen Gewürze verinnerlicht haben, muss Massala atmen und in den Adern haben.

Oftmals seien sich die Bewohner ihres wertvollen Wissens gar nicht bewusst, sagt Monique: „Was habe ich denn schon zu bieten?“ lauteten die häufig gestellten Zweifel. Doch Laysa habe sich schnell zum Publikumsmagneten entwickelt. Sie liebe Gesellschaft, „I am a people person“, sagt sie über sich selbst. Über die Touristen, die sie einige Male in der Woche in ihrer kleinen Wohnung bekoche, habe schließlich auch sie die Chance, ein wenig zu reisen – wenn auch nur innerhalb der Gespräche und Erzählungen ihrer Gäste. Das Essen dient dabei als Plattform. Über dem Kochtopfrand in Laysas kleiner Küche treffen sich die Welten.

Segen per Curry
Essen und Gastfreundschaft werden bei den Bewohnern des Bo Kaaps groß geschrieben. „Ihr solltet im Ramadan kommen“, ist Keith Sparks begeistert. Das sei eine magische Zeit, berichtet der Kapstädter, der das Viertel wie seine Westentasche kennt – „die Zeit der fliegenden Untertassen“, so genannt, weil die Kinder mit ihren Tellern im Fastenmonat abends von Haus zu Haus gingen und mit den Nachbarn das Essen teilten.

Bevor uns Laysa in das bunte Straßengewirr Kapstadts entlässt, gibt sie uns „barakaat“ mit. Die „Segenswünsche“ in Form einer Papiertüte gefüllt mit einem kleinen Happen in der Hand, stapfen wir zurück durch die malerischen Gassen. Ich lasse den Blick ein letztes Mal schweifen entlang der orientalischen Ornamentik vor der majestätischen Kulisse des Tafelbergs und atme tief ein. Schon ein paar Schritte weiter haben uns die altbekannten Gerüche und das Gewühl der Leute und Geschäfte wieder – die Innenstadt scheint uns förmlich zu verschlingen mit ihren geleckten Glasfassaden, ihren immer gleichen Burgerbuden und ihren Latte Macchiatos der neuzeitlichen Kaffeehausketten. Doch wenn man Glück hat und der Wind richtig steht, kann man auch hier noch die Nähe des Bo Kaaps riechen und hören.

Curry und Koran haben während ihrer rund 200-jährigen Geschichte in Südafrikas moderner Metropole ihre Spuren hinterlassen. Beide sind unzertrennlich mit der Stadt und ihren Bewohnern verbunden, auch wenn der abendliche Gebetsruf des Muezzins gerade zwischen Tafelberg und Waterfront verhallt und in der wachsenden Dunkelheit die Lichter der nahe gelegenen Partymeile Long Street wie jede Nacht versuchen, den Schätzen des Bo Kaap die Schau zu stehlen.


© Matthias Usbeck
Information:
Es gibt zahlreiche so genannte Townshiptouren in Kapstadt – die Spezialisierung der Veranstalter ist in der vielseitigen Mutterstadt des Kontinents sehr stark. Touranbieter Andulela Experience gehört jedoch zu den wenigen, die wirklich Interaktion zwischen Touristen und Townshipbewohnern fördern und den Urlauber nicht einfach nur im klimatisierten Bus durch die Viertel lotsen. Hier kann man in kleinen Gruppen von maximal zehn Leuten Informationen aus erster Hand über Alltag und Leben der Bewohner Kapstadts erhalten – übrigens zu verschiedenen Themen, wie etwa der Jazzszene, der Gospelbewegung oder eben der Kochkultur rund ums Curry im Malaienviertel. Weitere Auskünfte unter Tel.: +27(0)21-7902592 oder im Internet: www.andulela.com.

Von Matthias Usbeck für die Allgemeine Zeitung, Namibia


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